Sexualleben und Nachwuchs

Allgemein

Bevor ich genauer auf dieses Thema eingehe, möchte ich darauf hinweisen, dass jedes sinnlose "produzieren" von Kaninchen total verantwortungslos ist, da es wirklich genug heimatlose Kaninchen gibt. Wenn man sich noch ein Kaninchen wünscht, sollte man lieber eins von diesen armen Geschöpfen nehmen, als noch mehr Tiere zu erzeugen, die dann auch irgendwann in einem  Tierheim sitzen und kein Zuhause haben. Natürlich ist der Wunsch groß auch mal mitzuerleben, wie sich so kleine putzige Geschöpfe entwickeln, aber man sollte so vernünftig sein und auf diesen Wunsch verzichten. Man tut sich und den Tieren damit keinen Gefallen. Zudem wird immer noch viel zu wenig auf die vielen Komplikationen der Trächtigkeit und der Geburt hingewiesen, was bei Kaninchenlaien zu einem wahren Desaster ausarten kann. Die Mutter kann zum Beispiel ihre Jungen nicht annehmen oder frisst sie sogar auf. Die Jungen könnten ihre Augen nicht aufmachen oder viel zu spät, was zu Blindheit führen kann, und, und, und. Neben diesen moralischen Aspekten braucht man genügend Zeit und genug Platz, um die Jungen aufzuziehen. Ganz wichtig ist es, vorab schon ein schönes Zuhause für die Jungen, die man nicht behalten will, zu suchen.

Geschlecht- und Zuchtreife

Wie alle Lebewesen werden Kaninchen weit vor ihrem Erwachsenalter geschlechtsreif. Dies ist wichtig zu wissen, denn dadurch kann man Inzucht und unkontrollierte Vermehrung eindämmen. Bei kleinen Rassen tritt die Geschlechtsreife zwischen der 10. und 12. Lebenswoche ein, bei größeren Rassen meistens etwas später. Generell gibt es verschiedene Faktoren, welche die Geschlechtsreife beeinflussen:

  • Ein Kaninchen von einer größeren Rasse wird später geschlechtsreif als ein Kaninchen von einer kleineren Rasse.
  • Ein Kaninchen aus artgerechter Haltung wird schneller geschlechtsreif als ein Tier, das ständig nur in einem kleinen, tristen Käfig hockt.
  • Ein Kaninchen, das aus einem Wurf mit vielen Geschwistern stammt, wird später geschlechtsreif als ein Kaninchen, das aus einem Wurf mit wenig Geschwistern stammt.
  • Von Natur aus sind manche früher geschlechtsreif als andere.

Erst wenn ein Kaninchen fast ausgewachsen ist, sollte man es decken lassen, wenn es unbedingt nötig ist. Bei kleinen Rassen wäre dieser Zeitpunkt ab dem 6. Monat, bei mittleren Rassen ab dem 7. Monat und bei großen Rassen ab dem 8. Monat. Dieses Alter sollte auf keinen Fall unterschritten werden, da es nicht gesund für die Elterntiere und für die Jungen wäre. Bei den Weibchen sollte man noch beachten, dass der erste Wurf im ersten Lebensjahr des Weibchens fallen sollte. Wenn ein Weibchen nämlich nicht vor dem 12. Lebensmonat Junge bekommen hat, verknöchert sich ihr Becken, so dass eventuelle Jungen danach nur noch mit einem Kaiserschnitt auf die Welt kommen können.

Paarung

Ein Kaninchenweibchen ist das ganze Jahr über empfängnisbereit. Manchmal reicht nur die Anwesenheit eines Bockes aus, um sie hitzig zu machen. Am besten sollte die Paarung während des Auslaufs vollzogen werden. Wenn es im Käfig stattfinden soll, niemals den Rammler in den Käfig des Weibchens setzen, immer umgekehrt. Das Weibchen würde sonst auf den Rammler losgehen, weil er in ihr Revier eingedrungen ist. Der Deckakt selber dauert höchstens 15 Sekunden.

Trächtigkeit

In der Regel sieht man einem Weibchen die Trächtigkeit nicht an, auch kann man nur sehr selten die Zunahme eines Bauchumfangs feststellen. Die Trächtigkeit dauert ca. 30 Tage. In den letzten Tagen beginnt das Weibchen ein Nest zu bauen. Um ihr ein Höhlenersatz anzubieten, sollte das Weibchen auf jeden Fall ein Häuschen im Käfig haben, am besten wäre noch eine Wurfbox geeignet, die kann man nämlich von oben öffnen und man muss nicht ständig das ganze Häuschen hochnehmen, um die Jungen zu kontrollieren. Die meisten trächtigen Weibchen sind etwas nervöser und scheuer als sonst, das muss man akzeptieren. Während einer Trächtigkeit sollte man noch mehr auf eine nährstoffreiche und vielseitige Nahrung achten also sonst. Man kann sie zum Beispiel durch Vitaminpräparate unterstützen. Den Käfig am gewohnten Platz lassen und darin auch nichts mehr verändern. 
Außerdem sollte jeglicher Stress und Lärm von dem Weibchen ferngehalten werden. Auch sollte sie nicht mehr hochgenommen und rumgetragen werden, das schadet den Jungen. Eine Woche vor dem Geburtstermin sollte der Käfig noch einmal gründlich gereinigt werden. Nach der Geburt kann man das nämlich erst einmal nicht mehr machen.

Jungtiere

Die Geburt findet meistens nachts statt und die Kaninchenweibchen wollen dabei ungestört bleiben. Einige Stunden nach der Geburt sollte man ganz vorsichtig ins Nest schauen, um zu kontrollieren, ob alle Jungen gesund im Nest liegen. Eventuelle Nachgeburtsreste oder tote Jungtiere müssen sofort entfernt werden. Wenn ein Junges nicht im Nest liegt, sollte man es sofort hinein legen, die Mutter tut dies nämlich nicht und das Junge würde sonst erfrieren. Falls die Mutter weniger zahm ist, sollte sie vor jeder Kontrolle erst aus dem Käfig gelockt werden. Von nun an sollte man jeden Tag einmal täglich die Jungen kontrollieren. Man kann dabei die Kleinen auch immer ganz vorsichtig in die Hand nehmen, aber nie vollständig aus dem Nest holen, dadurch gewöhnt man sie schon an den Menschen und die Jungen werden zahmer. Wenn die Jungen irgendwann faltig oder eingefallen sind, kann man damit rechnen, dass sie in den nächsten Tagen sterben werden. Der Kräfteverfall bei Kaninchenjungen geht sehr schnell voran, da die Mutter sie nur alle 24 Stunden einmal säugt. Man kann nur versuchen, die Jungen mit der Flasche aufzuziehen, was aber nicht ganz einfach ist.
Die Jungen kommen völlig nackt, blind und taub auf die Welt. Sie werden von der Mutter einmal täglich gesäugt, besonders die Kolostralmilch, die direkt nach der Geburt von der Mutter abgegeben wird, ist sehr wichtig, weil sie sehr eiweißreich ist und viele wichtige Schutzstoffe enthält.
Zwischen dem 7. bis 11. Tag öffnen die Jungen die Augen und ihr Körper ist von einem weichen Babyflaum bedeckt. Man kann sogar schon die spätere Fellzeichnung erkennen.
In der 2. Woche krabbeln die Kleinen zum ersten Mal aus dem Häuschen. Ihr Fell ist bereits gut entwickelt.
In der 3. Woche werden die Ausflüge häufiger und länger. Man sollte ab jetzt den Jungen viel Auslauf geben, dass fördert ihre Entwicklung und die Muskeln werden kräftiger. Die Kleinen beginnen langsam vom Futter der Mutter mitzufressen. Erst vom Heu und dann auch vom Körnerfutter. Mit dem Frischfutter sollte man bei den Jungen noch sehr vorsichtig sein und wirklich in nur ganz minimalen Mengen verfüttern.
Ab der 6. Woche stellt sich der Magen- und Darmtrakt völlig auf feste Nahrung um, trotzdem trinken die Jungen noch Milch.
Ab der 10. Woche können die Jungen abgegeben werden.

Handaufzucht der Jungen

Je jünger die Jungen sind, desto geringer ist die Chance sie durchzubringen, denn die hochwertige Kaninchenmilch, besonders die Kolostralmilch, die direkt nach der Geburt verfüttert wird, ist kaum zu ersetzen. Wenn die Jungen vorher noch keine Muttermilch bekommen haben, werden sie wohl innerhalb einer Woche sterben. Man verabreicht die Nahrung alle zwei bis vier Stunden in einer Pipette oder eine Einwegspritze. Am besten dafür ist eine Hunde- oder Katzenmilch geeignet. Bei der Fütterung darf aber nie Flüssigkeit in die Luftröhre gelangen, deshalb sollte man den kleinen Kopf nie zu weit nach hinten halten. Man weckt die Jungen und füttert dann nur solange bis sie sich wehren. Danach wird ihnen ganz vorsichtig der Bauch in Richtung After massiert, um die Verdauung anzuregen. Man sollte die Kleinen auch unter Rotlicht warm halten und sie jeden Tag wiegen, um zu kontrollieren, ob sie wirklich zu nehmen.

Kastration des Rammlers

Auch wenn die Kastration von Kaninchenböcken bei manchen immer noch umstritten ist, was ich absolut nicht nachvollziehen kann, ist sie die einzige artgerechte Möglichkeit, ein Paar zu halten, ohne das es die ganze Zeit Nachwuchs zeugt. Dies wäre sowieso bei den vielen heimatlosen Tieren verantwortungslos und für das Paar reinste Tierquälerei. Nebenbei bemerkt, ist die Kastration schon längst ein Routineeingriff in kompetenten Kleintierpraxen geworden und das Männchen spürt davon absolut nichts. Außerdem ist so ein Eingriff immer der Einzelhaft eines Kaninchens vorzuziehen, da es eine Tierquälerei darstellt. Nach der Kastration ist das Männchen für eine gewisse Zeit noch zeugungsfähig. Hierbei gehen die Meinungen über die Zeitdauer auch wieder sehr weit auseinander. Sie liegt zwischen 2 Wochen und 2 Monaten. Auf jeden Fall sollte man das Männchen vier Wochen von eventuellen Weibchen trennen.
Es gibt auch bereits eine Methode Kaninchen vor Beginn der Geschlechtsreife kastrieren zu lassen, was viele Vorteile hat. Sie ist bis jetzt aber noch nicht sehr weit verbreitet.

Scheinträchtigkeit und Kastration der Zippen

Wenn ein Kaninchenweibchen nicht gedeckt wird, bekommt sie ungefähr alle zwei Wochen ihre Hitze. Die Zibben reagieren darauf sehr unterschiedlich: bei manchen bemerkt man es gar nicht und andere lassen ihre ganze Umgebung daran teilhaben. Diese werden dann auch häufig aggressiv und fangen sogar an zu beißen. Manchmal besteigen sie auch ihre Artgenossen oder werden immer wieder scheinträchtig. Dabei benehmen sie sich als ob sie wirklich trächtig werden: sie sammeln Heu, bauen ein Nest und reißen sich sogar ihre Bauchhaare aus. Das Nest sollte man dann auf jeden Fall nicht zerstören, das Weibchen würde dann nur noch aggressiver werden und das Nest von neuen bauen. Bei vielen Weibchen vergeht dieser Umstand nach einem Tag wieder,  bei manchen hält er aber auch länger an und kommt immer wieder. Wenn dies der Fall ist, sollte man es vielleicht in  Erwägung ziehen, das Weibchen kastrieren zu lassen. Danach wäre es ruhiger und würde nicht m ehr von ihren Hormonen geplagt ihren Partner triezen.

Scheinträchtige Zippe sammelt Heu für ihr Nest